01 Schlaglochpiste nach NamibiaJoana BreitbartJoanaweb

Kilometer 30100 – 34000

Fahrstunden 540 – 590

Reisewoche 45 – 49

08.07.21 – 12.08.21

3900 Kilometer gefahren in 50 Stunden in 36 Reisetagen.

Der Vorderreifen holpert, Sand und Steine fliegen, die Satteltaschen heben ab – der Grund: ein riesiges Schlagloch jagt das nächste. Die Straße von Livingstone nach Katima Mulilo, zum einzigen Grenzübergang zwischen Sambia und Namibia, hat ihre besten Tage längst hinter sich. Die von den LKWs hinein gefahrenen Löcher sind tückisch: Von weiter weg kann man das komplette Ausmaß des jeweiligen Loches nicht richtig einschätzen. Würden Ohren aus dem Loch heraus schauen, wüsste man nicht ob diese zu einem Hasen oder zu einer Giraffe gehören! Wir müssen also höllisch aufpassen, nicht eines der Löcher zu treffen und mit dem halben Moped darin zu versinken. Gar nicht so einfach wenn zwischen den Löchern jeweils nur ein paar Zentimeter alter Asphalt aufragen an denen wir uns langhangeln. Erschöpft und gut durchgeschüttelt kommen wir schließlich an der Grenze an. Keine gute Grundvoraussetzung für einen Grenzübertritt, da dieser immer länger dauern kann als man vorher annimmt und zuweilen auch mehr Energie kosten als vorher erwartet.

Lust habe ich darauf keine und Josh noch viel weniger. Genug nervenaufreibende Grenzen haben wir schon hinter uns, als dass wir völlig entspannt darauf zu gehen könnten. Dieses Mal werden wir aber positiv überrascht: Innerhalb einer Stunde haben wir sowohl Ausreise- als auch Einreisestempel in Pässen und Carnets. Der Vorgang geht schnell und strukturiert von Statten, und die ganzen zusätzlichen Dokumente für Covid will einfach niemand sehen. Über unseren Covid Test wird kurz drüber geschaut, eine beliebige Adresse und Telefonnummer eines Hostels in Windhoek wird notiert und fertig sind wir. Willkommen in Namibia, ruft uns der Zöllner freundlich zu und weist uns den Weg zur Ausfahrt. Die Straße ist mit piek feinem Asphalt belegt, die Sonne strahlt vom Himmel, der Wind bläst uns um die Nase. Wir sind glücklich und freuen uns auf ein neues Land mit vielen neuen Abenteuern.

In Katima Mulilo merke ich bereits in den ersten Minuten, dass Namibia anders ist als alle afrikanischen Länder, die wir zuvor durchquert haben. Es ist alles sehr sauber und geordnet, das Einrichten der neuen SIM Karte klappt auf Anhieb, es gibt überall gutes Benzin und die Bestellung im Restaurant inklusive Espresso dauert nicht länger als eine Viertelstunde. Dass Namibia einst deutsche Kolonie war, ist nicht von der Hand zu weisen. Am ersten Polizei Checkpoint werden wir dann auch gleich heraus gewunken, weil wir an den wartenden LKWs einfach vorbei fahren wollten. So sind wir das seit Kenia gewöhnt, Mopeds werden nie angehalten. Im Gegenteil, die Polizisten winken uns eigentlich immer vorbei und grüßen dabei noch freundlich. Hier ist das scheinbar anders. Wir sind beide so perplex und wissen nicht richtig wohin wir jetzt fahren sollen. Beide schauen wir uns fragend um, während wir aber auf den Bikes noch vorwärts rollen. So passiert es, dass Josh mich streift, ich mit lautem Geschepper nach links umfalle, während er nach rechts einen 180 Grad Drift hinlegt, um nicht auch auf dem Asphalt zu landen. Ein komisches Bild müssen wir abgeben: Zwei Deutsche, die sich völlig verwirrt gegenseitig über den Haufen fahren! Der Polizist steht nur mit hoch gezogenen Augenbrauen da und beobachtet das Schauspiel. Als wir uns schließlich wieder gesammelt haben und Mensch und Maschine wieder in korrekter Position stehen, liest er uns die Leviten. So dürfte man in Namibia nicht fahren! Nach ein paar „Ja, Sir.“, „Entschuldigung, Sir!“, „Kommt nicht wieder vor, Sir!“ dürfen wir schließlich weiter fahren. Die nächsten Checkpoints fahren wir in Zukunft schön langsam an.

18 Etosha20 EtoshaDurch den Caprivi Zipfel führt die Straße Kerzen geradeaus. Links und rechts sieht man nicht viel mehr als hohes vertrocknetes Gras und ein paar Bäume. Hin und wieder verirrt sich ein Busch-Bock oder ein Strauß an den Straßenrand, die aber sofort ins Gestrüpp flüchten, sobald wir vorbei fahren. Die Luft ist Staub trocken und die Sonne flimmert. Wir nähern uns deutlich merkbar der Wüste. Unter diesen Umständen wirkt das Fahren einschläfernd und wir sind schließlich an diesem Abend froh unser Ziel zu erreichen. Wir wollen unser Zelt bei der Mobola Island Lodge aufschlagen. Hier war Josh schon auf seinem ersten Afrika Trip und schwärmt so davon, dass es für uns natürlich keinen Weg daran vorbei gibt. Georg kommt uns bereits entgegen und fünf Sekunden nachdem wir die Helme abgezogen haben, erkennt er Josh sofort wieder. „Fünf Sekunden hat es auch nur wegen der langen Haare gedauert!“, erzählt er uns später. Er freut sich sehr über den erneuten Besuch. Damals war Georg erst 13, und nach Joshs Abreise hat er angefangen Motorrad zu fahren, Krafttraining zu machen und AC/DC zu hören! Die Parallelen lassen sich gut erkennen! Auch sein Vater Alex erkennt Josh sofort wieder. Die Freude ist groß und gemeinsam sitzen wir die kommenden Tage jeden Abend zusammen am Feuer: Grillen, philosophieren und lassen unsere Gedanken unterm Sternenhimmel freien Lauf. Vater und Sohn haben seit nun mehr über zehn Jahren die Lodge zusammen aufgebaut und stückchenweise immer mehr erweitert. Sie haben so einen wunderbaren Ort direkt am Okavango River an der Grenze zu Angola geschaffen, an dem man seine Seele baumeln lassen kann. Wir bleiben ein paar Tage und genießen die Ruhe und Abgeschiedenheit. Außerdem warten wir. Wir warten auf Erwan und Hannari, das Französisch-südafrikanische Pärchen, das wir in Livingstone an den Victoria Fällen kennen gelernt haben. Zusammen mit ihnen wollen wir zum Etosha Nationalpark fahren und diesen in ihrem Overlander Truck durchqueren. Ohne uns groß zu kennen, haben sie uns in Livingstone vorgeschlagen, uns mit in den Park zu nehmen, da wir mit den Motorrädern dort leider nicht hinein dürfen. Dieses großzügige Angebot nehmen wir dankend an. Nachdem die beiden einen kleinen Abstecher nach Botswana gemacht haben, treffen wir uns schließlich in der Mobola Island Lodge wieder. Auch sie sind von dem Platz am Fluss begeistert und zusammen verbringen wir einen schönen letzten Abend dort. Am Folgetag verabschieden wir uns in aller Frühe von Alex und Georg, um gemeinsam aufzubrechen. Natürlich können wir nicht die komplette Strecke gemeinsam fahren, denn unsere Geschwindigkeit ist nicht dieselbe. Meistens sind wir mit unseren Bikes schneller und können schon mal die Lage auskundschaften. Sie können in ihrem Truck alle Lebensmittel und Teile unseres Gepäcks mitnehmen, sodass wir ein bisschen leichter unterwegs sind. Wir ergänzen uns gut und verstehen uns auch hervorragend. Das gemeinsame Fahren macht uns allen Spaß und abends treffen wir uns immer an einem vorher verabredeten Platz. Hannari beginnt dann in ihrer winzigen Küchenzeile des Trucks die Töpfe und Pfannen zu schwingen und bereitet jeden Abend ein köstliches Mal zu. Es dauert nicht lange, da nennen wir den Truck nur noch unseren „Food-Truck“, den Essens-Wagen.13 Abschied von Georg und Alex

15 im Truck von Erwan und Hannari12 Hannari und Erwan erreichen die Mobola Island LodgePünktlich zum Sonnenaufgang stehen wir am nördlichen Eingang des Etosha Nationalparks. Die Bikes können wir ohne Probleme hier parken und am Folgetag wieder abholen. Zwei Tage wollen wir im Park bleiben. Diese Entscheidung stellt sich auch bald als richtig heraus, denn den ersten halben Tag scheint es, als würden sich die Tiere vor uns verstecken. Außer ein paar Vögeln und tausenden Zebras sehen wir nicht viel. Unsere Stimmung ist aber dennoch hervorragend, mit dem Soundtrack vom Film König der Löwen im Hintergrund genießen wir die Weite der Etosha Pfanne aus der Fahrerkabine des Trucks. Gerade für Josh und mich ist dieser Ausblick von oben eine willkommene Abwechslung. Wir haben den perfekten Blickwinkel, um Tiere zu beobachten. Aber außer vielen Busch Böcken, Oryxen und Gnus sehen wir nicht viel an diesem Tag. Etwas enttäuscht fahren wir schließlich die Halali Lodge in der Mitte des Parks an, um hier unser Camp für die Nacht aufzuschlagen. Das Camp befindet sich direkt an einem der Wasserlöcher des Parks. Kurz vor Sonnenuntergang machen wir uns zu Fuß auf den Weg dorthin. Um das Wasserloch herum sind auf einer Anhöhe Steine, Bänke und Holzblöcke als Sitzgelegenheiten angeordnet, um die Tiere von dort beobachten zu können. Als wir dort eintreffen, verfliegt unsere Enttäuschung sofort.

22 Etosha25 EtoshaEine große Herde Elefanten steht um das Wasserloch herum und trinkt. Elefanten Babys tollen zwischen den Beinen der kräftigen Elefanten Kühe herum, trompeten fröhlich und spielen Fangen. Die großen Bullen bewerfen sich mit Staub und genießen sichtlich ihr Leben. Sobald jedes der Tiere auf seine Kosten gekommen ist, zieht die Herde langsam ab, während man in der Ferne schon die nächste Herde erblicken kann, die sich durch den dichten Buschwald ihren Weg zum Wasserloch bahnt. In der Luft liegt freudige Spannung, als sich schließlich zwei Nashörner unter einem Baum erheben und ihr massiges Gewicht in Bewegung bringen. Im Gras schlafend haben sie sich so gut versteckt, dass ich sie zuerst gar nicht gesehen hatte. Umso beeindruckender ist das Schauspiel jetzt. Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich Nashörner gesehen! Josh geht es genauso. Beide Tiere haben noch ihr massives Horn vorne auf der Nase. Der Anblick macht uns Glücklich und traurig zugleich denn wegen ihres Horns sind Nashörner sehr gefährdet. Wilderer töten die Tiere, um an das kostbare Horn zu kommen, welches sie dann teuer in China verkaufen. Dort denkt man nämlich es würde die Potenz steigern! Was ein trauriger Irrglaube! Die Art wurde bis zum heutigen Zeitpunkt so sehr gewildert, dass sie vom Aussterben bedroht ist. Weltweit gibt es nur noch einige tausend Tiere. Sie in freier Wildbahn sehen zu können, ist ein Geschenk, wofür wir sehr dankbar sind. Wer weiß ob das unseren Kindern noch möglich ist. Auch wenn man alles dafür tut, der Wilderei ein Ende zu setzen, schaffen es die Wilderer trotzdem immer wieder Tiere zu töten. Trotz ihrer plumpen Statur wirkt es fast anmutig, wie die beiden Tiere ihre Nase sacht in das Wasser tunken, um zu trinken.

29 EtoshaEin paar Minuten kommen wir in den Genuss, das Schauspiel zu beobachten, bevor sie durch den Busch wegtrotten. Wir alle vier fallen an diesem Abend in einen glücklichen Schlaf. Am Folgetag ist scheinbar der Bann gebrochen und wir sehen jede Menge Tiere: Elefanten, Zebras, Giraffen, verschiedene Arten von Busch Böcken und noch einmal zwei verschlafene Nashörner unter einem Baum liegend. Zum Sonnenuntergang verlassen wir den Park, holen unsere Bikes ab und campen zusammen mit Erwan und Hannari in der Wildnis etwas entfernt vom Park. Wir sind sehr zufrieden mit unserer kleinen Exkursion und dankbar, dass Erwan und Hannari uns in ihrem Truck mitgenommen haben. Dieses Erlebnis wäre sonst für uns so nicht möglich gewesen. Kurzerhand entscheiden wir an diesem Abend am Feuer, dass wir noch ein bisschen weiter gemeinsam reisen werden. Bis Swakopmund haben wir sowieso den gleichen Weg und unsere Erlebnisse zu viert zu teilen, bereitet uns allen Freude.

49 Damaraland53 DamaralandFür die 1000 Kilometer von der Etosha Pfanne bis nach Swakopmund nehmen wir uns eine Woche Zeit. Wir fahren nicht die direkte Strecke, sondern durch das Kaokoveld und das Damaraland im Norden von Namibia. In Opuwo hört der Asphalt auf und der Rest bis Swakopmund ist Schotterpiste. Die Pisten in Namibia sind aber alle hervorragend präpariert und wir kommen gut voran. Seit unserer Einreise im Caprivi Zipfel bis Opuwo war die Landschaft, flach und die geraden Straßen hatten nicht wirklich viel Spannendes zu bieten, sie wirkten fast einschläfernd. Nachdem wir die Kleinstadt Opuwo durchquert haben, verändert sich das Bild. Das Flachland wird hügelig und die Hügel entwickeln sich zu kleinen Bergen. Die Piste schlängelt sich durch die abwechslungsreiche Felslandschaft und die Ausblicke sind atemberaubend. Die Luft ist klar und trocken. Hunderte Kilometer können wir in die Ferne schauen, die Pisten sind gut und Verkehr ist nicht vorhanden. Da Namibia so gering besiedelt ist, trifft man außerhalb der Ortschaften kaum eine Menschenseele. Immer wieder muss ich anhalten um Josh zu sagen, wie schön es doch hier ist! Erwan und Hannari sind mit dem „Food-Truck“ hinter uns. Wir treffen uns mittags zu einem gemeinsamen Snack, zum Tanken oder abends am vorher ausgesuchten Schlafplatz. Wir genießen unsere gemeinsame Zeit sehr. In den großen Weiten des Landes finden wir unglaublich schöne und abgelegene Wildcamping Plätze. Da wir jede Menge Vorräte in dem Truck haben, brauchen wir während der ganzen Zeit keinen Campingplatz anfahren, sondern können uns einfach rechts und links der Straße die schönsten Plätze suchen. Auch das wäre uns ohne unsere beiden Freunde nicht möglich. Auf den Bikes können wir höchstens Vorräte für drei Tage mitnehmen und müssen dann zurück in die Zivilisation. Hier wird unser Drang nach Freiheit befriedigt und Joshua kann seinem „Steinzeit-Ich“ einfach mal freien Lauf lassen.

57 Auf dem Weg zur Skeleton Coast58 Auf dem Weg zur Skeleton CoastNahe der Skeleton Coast bekommen wir es dann mit heftigem Wind zu tun, der von der Küste ins Landesinnere weht. Er trifft uns mit heftigen Böen, was auf den Schotterpisten nicht ganz ungefährlich ist. Wenn man nicht aufpasst, wird man aus der Spur gehauen und läuft Gefahr zu stürzen. Kurzerhand laden wir auch noch unsere Satteltaschen zu Erwan und Hannari in den Truck. Das macht das Fahren wieder etwas angenehmer. Eigentlich dürfen Motorräder den Skeleton Coast Nationalpark nicht durchqueren. Diesmal verstehen wir das aber nicht so ganz, schließlich leben hier keine Tiere. Außerdem ist es die einzige Straße, die von Norden her kommend nach Swakopmund führt. Wir starten trotzdem mal einen Versuch. Wir wollen da durch! Erwan und Hannari schicken wir vorweg, die uns schon mal am Einlass ankündigen. Sie nehmen unser komplettes Gepäck; Im Notfall eine gute Ausrede, um ihnen folgen zu müssen. Wider Erwarten müssen wir diesmal nicht einmal diskutieren. Josh unterschreibt ein Dokument welches versichert, dass er auf keinen Fall auf einem zweirädrigen Fahrzeug den Park durchquert!!! Aber der Ranger schließt unseren Bikes mit einem dicken Lachen das Tor auf und wünscht uns gute Fahrt. Ich glaube, ich habe geschaut wie ein Auto in diesem Moment. Oder eher wie ein Motorrad 😉 Wir erklären uns unser Glück mit dem Fernbleiben der Touristen. Wahrscheinlich sind alle einfach nur froh, wenn überhaupt einmal Touristen vorbeikommen. Ein Touri in Covid-Zeiten ist eine Rarität! Da ist ihnen der fahrbare Untersatz dann eben mal nicht so wichtig und die Augen werden mehr als einmal zugedrückt.

Aufs Neue bin ich fasziniert von der Landschaft. Eben befanden wir uns noch in einer wunderschönen grünen Berglandschaft, jetzt wieder in einer topfebenen, grauen Wüste ohne jeglichen Bewuchs und kaum Leben. Der kalte Benguelastrom, vom Süden den Atlantik hochkommend, sorgt innerhalb weniger Kilometer für einen Temperatursturz von 15 Grad. Das Thermometer hakt bei 10 Grad ein. Dazu viel Wind und einen Wolken verhangener Himmel. Trotz einiger Schichten Kleidung und meiner Regenkombi oben drüber friere ich nach kurzer Zeit. Wie schön es da ist, Hannaris Stimme aus dem „Food-Truck“ zu hören: „Kaffee!!“ An einer alten verrosteten Ölbohrstation machen wir eine Pause zum Aufwärmen mit warmem Kaffee und Keksen. Für uns ist das Luxus! Normalerweise würden wir einfach frierend weiter fahren. Doch mittlerweile sind wir vier zu einem guten Team geworden! Ganz nach dem Motto „better together!“ (besser zusammen) erreichen wir nach einem kalten Tag und nach einer anstrengenden Woche mit vielen Kilometern auf Schotterpisten die Landzunge Cape Cross an der Atlantik Küste. Es ist das erste Mal auf dieser Reise und überhaupt das erste Mal seit unserer Südamerika Reise, dass wir wieder am Atlantik sind. Hier gönnen wir uns einen Pausentag am Campingplatz direkt am Meer. Der „Food-Truck“ schirmt uns vor dem Wind ab. Der Espresso in der Lodge ist ein Hochgenuss und bei Strandspaziergängen mit Blick auf das raue aufgewühlte Meer kann ich meinen Gedanken besonders gut nachhängen. Etwas weiter besuchen wir eine der größten Kolonien von Seebären. Diese zählt bis zu einer viertel Million Tiere. Sie fühlen sich hier wegen der ins Meer ragenden Landzunge und dem fischreichen Strom aus der Antarktis besonders wohl. Schon von weitem können wir sie hören, dann riechen und schließlich sehen. Sie tummeln sich bereits am Parkplatz und haben gar keine Angst. Manche sonnen sich faul, manche schlafen, manche spielen fangen, manche kämpfen und viele schwimmen im Meer. Ein ganz schönes Spektakel veranstalten die da! Auf dem für die Besucher angelegten und eingezäunten Steg hat sich ein Seebär verirrt und findet es überhaupt nicht witzig, als wir auf ihn zukommen. Mit lautem Gebrüll hoppelt er auf Josh zu. Da nehmen wir schnell unsere Beine in die Hand! Aber es war nur eine kurze Warnung, dann streckt er sich wieder, um in der Sonne zu entspannen. Was ein Leben!

Irgendwann musste es ja soweit sein und der Tag des Abschieds steht vor der Tür. Erwan und Hannari wollen von Swakopmund weiter nach Süden fahren, wohingegen wir nach Windhoek müssen. Joshuas Medikamente warten da bereits auf uns. Zusammen verbringen wir die letzte gemeinsame Nacht in einem Canyon nördlich von Swakopmund. Das Moonvalley macht seinem Namen alle Ehre, der zerklüftete Canyon mit den unzähligen Seitentälern, so stellt man sich den Mond vor. Im Canyon selbst spürt man nichts vom Meereswind und der leicht sandige Boden lädt zum wildcampen ein. Die Jungs verschwinden um den nächsten Berg, um Feuerholz zu sammeln. Hannari und ich beginnen mit der Vorbereitung fürs Grillen, „Braai“, wie man es jetzt von hier bis nach Südafrika nennt. Auch für Erwan und Hannari war es eine wunderschöne Zeit und sie sind, genau wie wir, ein bisschen traurig wieder zu zweit zu reisen. Mit Champagner stoßen wir auf den letzten Abend an… dann mit Wein… und dann mit Gin. Und dann entscheiden wir, einfach noch einen Tag an diesem schönen Ort zu bleiben! So schnell kann es gehen. Am Folgetag haben wir also einen zweiten letzten Abend an einem zweiten letzten gemeinsamen Feuer. Die ersten einsamen Kilometer am nächsten Morgen fühlen sich dann wirklich komisch an. Ich suche im Rückspiegel immer mal wieder den „Food-Truck“, bevor ich mich erinnere, dass er ja nach Süden weiter gefahren ist. Aber es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir uns gesehen haben. Es ist gut möglich, dass die beiden nach Ende ihrer Reise arbeitsbedingt in die Nähe von Frankfurt ziehen. Wie aus einer flüchtigen Begegnung eine Freundschaft entstehen kann, und das auch über viele Landesgrenzen hinweg, ist immer wieder faszinierend.78 letzter Abend mit Erwan und Hannari

Unser Weg führt uns in die Hauptstadt Namibias, nach Windhoek. Dort angekommen, fühle ich mich wie in einer deutschen Kleinstadt. Alles ist ordentlich und man bekommt alles, was man sich nur vorstellen kann. Zuerst fahren wir beim Transkalahari Inn vorbei. Hier liegen Joshuas Medikamente, unser Ersatzkocher und unsere Reparierte Mini-Videokamera. Nachdem Freunde oder Bekannte uns Covid bedingt nicht besuchen konnten, um die Medikamente mitzubringen, haben wir einen Facebook Aufruf gestartet. Virus hin oder her, Joshua braucht die Medikamente trotzdem. Auf diese Weise hat sich ein junges Pärchen aus Paris bereit erklärt, die Sachen für uns mitzunehmen. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle an Celine und Simon! Heutzutage ist diese Hilfe leider nicht mehr selbstverständlich. Joshuas Bruder Nino hat also ein Paket zu den beiden nach Paris geschickt. Von Paris flog es mit ihnen dann nach Windhoek. Im Transkalahari Inn haben sie es bei Hilde hinterlegt. Als Josh bei Hilde anruft, weiß diese auch sofort Bescheid und ruft freudig mit ihrem englisch-südafrikanischen Akzent in den Hörer, dass wir jederzeit zum Abholen kommen können. Als wir eintreffen, steht sie bereits mit der großen Plastiktüte grinsend in der Tür. Josh ist sichtlich erleichtert und hebt die Tüte wie eine Trophäe in die Höhe. Das Gefühl, wenn die Medikamente weniger werden, ist immer beunruhigend. Wenn sie wieder aufgefüllt sind, sind diese Sorgen erst einmal vom Tisch. Wir bauen unser Zelt für eine Nacht bei Hilde auf, bevor wir uns der Motorrad Inspektion widmen. Am nächsten Morgen bietet sie uns sogar noch an, dass wir ruhig immer wieder was bei ihr hinterlegen könnten, falls nochmal etwas aus Deutschland auf dem Weg nach Namibia sei. Wie schön, wenn man sich auf Leute verlassen kann!

86 Josh hat seine Medikamente

Eine Woche verbringen wir in Windhoek, denn wir müssen nicht nur Wartung bei den Mopeds machen, sondern auch viele Reparaturen an Ausrüstung und Kleidung. Die Zeltplane hat ein Loch, eine unsere Schlafmatten ebenfalls, die Motorradkombis lösen sich an etlichen Stellen auf… nach zehn Monaten auf der Straße ist eben alles etwas mitgenommen. Aber nach einem intensiven Tag in vielen Baumärkten haben wir tatsächlich alle Ersatzteile für Mensch und Maschine zusammen. Windhoek ist die am besten ausgestattete Stadt seit wir den europäischen Kontinent verlassen haben. Man muss zwar etwas suchen, aber man findet alles! Dafür kennen wir danach auch fast jede Ecke der Stadt und viele neue, nette und hilfsbereite Menschen. Gerade Josh fühlt sich wie im Paradies: Die Handwerker hier verstehen wirklich etwas von ihrem Beruf. Noch dazu sprechen viele deutsch. Josh kann mit ihnen stundenlang fachsimpeln und weiß am Ende, dass sie seine Vorstellungen auch wirklich umsetzen können. Es ist fast wie in der Heimat. Als dann, während wir bei Yamaha Windhoek Wartungs- und Schweißarbeiten an den Mopeds vornehmen, ein Bäcker Wagen mit LAUGENSTANGEN und SCHWEINSOHREN vorfährt, fühlen wir uns wie auf einem anderen Kontinent.

Die Jungs bei Yamaha, allen voran die Brüder Tommy und Pierre Gous, machen die Schweiß-Arbeit hervorragend, während Josh die Werkstatt nutzen darf um alle anderen Wartungsarbeiten zu erledigen, sodass wir beide Bikes noch am selben Tag wieder mitnehmen können. Öl-, Ketten- und Reifenwechsel haben wir allerdings noch nicht erledigt, denn die Hinterreifen und die neuen Ketten warten erst in Swakopmund auf uns. Bei 253Moto, dem Shop von Ferdi Poolmann, haben wir via Internet bereits im Voraus zwei Hinterreifen zurücklegen lassen. Ferdi hat uns in diesem Zuge an seinen Kumpel Martin Kruger weiter vermittelt, der uns gerne seine Werkstatt zu Verfügung stellen würde um die Wartungsarbeiten zu vervollständigen. Wir kennen diesen Mann zwar noch nicht, aber das Angebot klingt einladend und vielversprechend. So fahren wir also bepackt mit jede Menge Gabel- und Motoröl und mit zwei neuen Vorderreifen Richtung Swakopmund. (Die Vorderreifen hatte Ferdi nicht vorrätig in seinem Shop, weswegen wir sie bei Yamaha Windhoek gekauft haben.) In meinem roten Sack hinten auf dem Motorrad transportiere ich am diesem Tag ungefähr 20 zusätzliche Kilos und bin froh, dass wir die ganzen dreihundert Kilometer von Windhoek bis Swakopmund Rückenwind haben!

93 Werkeln in Martins Werkstatt105 Martin beim Trial TrainingEin etwas zurückhaltender Herr begrüßt uns in der Werkstatt von „Nolimit4x4rentals“ direkt an der Hauptstraße etwas außerhalb von Swakopmund: Martin Kruger. Er ist der Chef des Fahrzeugverleihs „Nolimit4x4rentals“. Sechs Toyota Hilux mit kompletter Camping Ausstattung hat er zum Verleih für Touristen, die mehrere Wochen durch Namibia reisen möchten, liebevoll hergerichtet. Als Freund von Ferdi hat er von unserer Reise gehört und findet diese so spannend, dass er uns gerne kennen lernen möchte und uns auch seine Werkstatt für all unsere Reparaturen zur Verfügung stellt. Er sponsert uns sogar einen unserer Hinterreifen! Einfach so, ohne uns vorher gesehen zu haben! Wir fühlen uns gleich sehr willkommen! Kurzerhand macht er bei der Begrüßung klar, dass er uns auf keinen Fall im Zelt schlafen lassen wird. Er nimmt uns mit zu seinem Haus. Sofort werden wir von seiner Familie begrüßt und mit jede Menge Fragen über unseren Trip bombardiert. Seine Frau Marietjie, sein Sohn Marno und seine drei Töchter Maronique, Mincké und Maresa können es kaum abwarten all ihre Fragen loszuwerden. Wie sich herausstellt, hat Martin hier in einer Garage noch eine kleine private Werkstatt für all seine Spielzeuge: ein paar Enduro- und Motocrossmaschinen, eine Trialmaschine und ein paar Quads parken am Rand der Werkstatt. Teilweise verleiht er sie, teilweise fahren er und seine Familie selber damit in den Dünen und Canyons hinter Swakopmund. Josh verliebt sich sofort in die gemütliche kleine Werkstatt. Er hat hier alles was er braucht und wird lieber hier an unseren Bikes schrauben, anstatt in der großen Werkstatt des Auto Verleihs. Martin zeigt uns anschließend unser kleines gemütliches Gästezimmer mit eigenem Bad und daran angrenzend sein eigenes heimeliges Wohnhaus. Ehe wir uns versehen, ist Josh mit Martin und Marno in Gespräche über alle Arten von Motorrädern versunken und ich sitze mit den drei Mädels am Wohnzimmer Teppich und werde anschließend in deren Zimmer entführt, wo die Kleinste ihren Beauty Salon eröffnet, mich frisiert, schminkt und meine Fingernägel lackiert! Willkommen in der Familie! Ihre Gastfreundschaft ist unglaublich großzügig! Während Josh mit tatkräftiger Unterstützung von Martin und Marno die nächsten Tage Reifen wechselt, Ketten aufzieht, Öl wechselt, bin ich mit „meinen drei Mädels“ gut beschäftigt: Von Schulaufgaben bis Kuchen backen, vom Haare kämen bis zum Spielen mit dem Hamster, vom Streit schlichten, Kuscheln und Schnupfennasen pflegen bis zum Einkaufen in der Stadt sind meinem Erzieherinnen-Herz keine Grenzen gesetzt! Bei dem Alter 12, 9 und 5 ist eben alles dabei! Es macht mir großen Spaß mit den dreien und ist mal eine willkommene Abwechslung zwischen dem ganzen Motorrad fahren, Motorrad Schrauben, Enduro fahren, Trial fahren, Motorrad Schrauben, Enduro fahren und… achja, Motorrad fahren! 🙂 Auch mit Mama Marietjie verstehe ich mich super. Mit ihr fahre ich fast jeden Tag nach Swakopmund, um Besorgungen zu machen. Wenn ich dabei etwas für uns oder für die Mopeds kaufe, darf ich es auf keinen Fall selber bezahlen! Auch zu Hause sollen wir uns am Kühlschrank bedienen und ruhig alles nehmen was wir brauchen. Ihr Haus sei unser Haus! Beim Essen gehen in der Stadt sind wir natürlich auch eingeladen, Widerspruch wird nicht geduldet. Nach drei Tagen ist Josh mit allen Arbeiten an den Bikes fertig und wir wären eigentlich Abreise bereit.

108 Ausflug in die Duenen109 Ausflug in die DuenenAber wie sich heraus stellt, hat die Familie noch einige Pläne mit uns. Sie nehmen uns mit in die Dünen des Namib-Naukluft Nationalparks und zeigen uns die berühmte Dune 7. Dort fährt Martin uns ganz gekonnt mit seinem Toyota Hilux V6 hoch. Mein Herz rutscht kurz in die Hose und ich habe schweißnasse Hände, als der Hilux sich den steilen Hang der Düne hoch gräbt! Aber einmal oben angekommen ist es wunderschön. Mit den drei Mädels an den Händen und Josh und Marno vorneweg rennen wir durch den weichen Sand wieder runter. Wir fahren zusammen nach Walfish Bay und werden erneut zum Essen eingeladen. Wir dürfen sogar die Motocross Maschinen der Familie nutzen für einen gemeinsamen Ausflug zum nahe gelegenen Motocross Track von Swakopmund. Alle aus der Familie fahren Bikes, nur die Kleinste sitzt auf ihrem Quad noch auf vier Rädern. Ein klitzekleines Moped steht für sie aber auch schon bereit. Wir toben uns auf der Strecke aus und ich lerne an diesem Tag mit der Maschine zu springen. Sogar unsere beiden Hondas schaffen es einmal über die ganze Motocrosspiste aber sie kommen dabei merklich an ihre Grenzen. Bei den ersten Malen erschrecke ich mich fürchterlich, denn das Gefühl plötzlich alle Räder in der Luft zu haben, ist zuerst sehr seltsam. Mit der Zeit habe ich den Dreh aber immer mehr raus und es fängt an Spaß zu machen! Ich bin stolz. Manchmal ist man selbst überrascht, was in einem steckt!

Am Ende ist aus drei geplanten Tagen eine Woche geworden. Wir haben uns wie ein Teil der Familie gefühlt in dieser Zeit und sind dankbar für die gemeinsamen Erlebnisse und die Hilfe bei den Bikes, die uns Martin gegeben hat. Alle sind beim Abschied traurig, besonders die drei Mädels. Ich muss mich von ihren Umarmungen losreißen, bevor ich aufs Motorrad steigen kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns noch einmal sehen, ist groß: Ein paar Ersatzteile sind auf dem Weg von Deutschland nach Namibia und die müssen ja schließlich irgendwo eingebaut werden… 😉 Bis es soweit ist, wird uns unser Weg noch einmal gen Norden führen. Nach fast zwei Wochen Stadtleben in Windhoek und Swakopmund haben wir wieder Sehnsucht nach der Einsamkeit und den endlosen Weiten Namibias, nach den vielen schönen Schotterpisten und nach Zeltnächten unter dem Sternenhimmel.

119 Abschied von Martins Familie in Swakopmund

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