IMG 20201113 100556 4Medizinbericht 02
Deutschland-Italien-Tunesien-Ägypten-Sudan-Kenia
September 2020 – März 2021
7 Reisemonate
20.000 Kilometer
Der folgende Bericht beruht auf persönlicher Erfahrung und erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Die beschriebene Therapie sowie die Vorgehensweisen bei Krankheit und Therapieproblemen unterscheiden sich auf der Reise durch ferne Länder oft grundlegend von denen in unserem ärztlich gut aufgestellten Heimatland. Ich möchte hier kurz darstellen, wie ich trotz chronischer Erkrankung mit etwas Vorbereitung, ein wenig Fachwissen, der nötigen Disziplin, etwas Improvisationsgeschick und einer guten Basis in der Heimat ein Reisevorhaben beliebiger Länge in die Tat umsetzten kann.


Impfpass Joshua 50 Impfungen 1Impfpass Joshua 50 Impfungen 2Die Vorbereitung einer solchen Reise ist weniger aufwendig als viele denken. Dennoch gibt es ein paar Dinge zu erledigen. Bevor es losgeht, ist es empfehlenswert sich die nötigen Schutzimpfungen für die geplanten Reiseländer zu besorgen. Bei dieser Reise wurden anstandslos alle Impfungen von unser beider Krankenkassen übernommen (Josh: Barmer, Joana: DAK). Für weitere Nachfragen zu den weltweit empfehlenswerten Impfungen können wir ohne Bedenken die tropenmedizinische Praxis Dr. Marion Fuhrmann in Fulda empfehlen. Marion ist selbst viel in der Welt unterwegs und kennt die Reisepraxis aus erster Hand. Sie hat uns stets hervorragend beraten und ihr Wissen über die Besonderheiten der verschiedenen Länder ist beeindruckend. Am besten gefällt uns, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt, aber auch nichts überspitzt, als übertrieben gefährlich darstellt oder versucht einem die Reiseroute auszureden. Wir haben da mit anderen Ärzten durchaus andere Erfahrungen gemacht. Die Impfungen werden in der Regel rezeptiert und direkt an den Hausarzt, in unserem Falle die Gemeinschaftspraxis Großcurth in Haunetal, geliefert und dort verabreicht. Bei genauer Kenntnis der nötigen Impfungen können die einzelnen Dosen auch direkt über den Hausarzt verordnet werden.
Unsere bisherigen Reiseimpfungen:

 


Gelbfieber,
Cholera (2 Dosen),
Japanische Enzephalitis (2 Dosen),
Pneumokokken (2 versch. Typen),
Meningokokken (2 Dosen),
Hepatitis A/B (2 Dosen),
Tollwut (3 Dosen),
FSME (3 Dosen),
Typhus,
Corona (2 Dosen).
Für unsere Reise durch drei, eventuell vier Kontinente brauchten wir also 20 Spritzen. Um die empfohlenen Impfabstände ungefähr einhalten zu können und die regelmäßigen Arztbesuche nicht in Stress ausarten zu lassen, sollte man am besten ein Jahr vor Abreise mit der Impfplanung beginnen. Wer Impfungen eher skeptisch gegenüber steht, braucht nur Gelbfieber, in seltenen Fällen Cholera und mittlerweile Covid. Die anderen Impfungen werden an keiner mir bekannten Grenze kontrolliert. Aus eigener Erfahrung und nach Rücksprache mit der MUKO Ambulanz, Tropeninstitut und Hausarzt kann ich präventive Impfungen, gerade mit einem etwas schwächeren Immunsystem, definitiv empfehlen. Ein paar Nebenwirkungen im heimatlichen Haunetal vor dem Kamin mit dem nächsten Krankenhaus und Rettungsdienst in Rufnähe ist einer anständigen fiebrigen Typhusinfektion in der heißen Steppe des südlichen Sudan, 600 Kilometer vom nächsten Krankenhaus entfernt, eindeutig vorzuziehen.


OI003416OI003420Abgesehen von den Reiseimpfungen bestand die medizinische Vorbereitung in regelmäßiger körperlicher Betätigung, um fit in die Reise zu starten, der genauen Ermittlung vom tatsächlichen Medikamentenbedarf und der Lösung von technischen Problemen bezüglich Transport und Instandhaltung der Medikamente und Hilfsmittel. Mit ein bis zwei Stunden abwechslungsreichem Sport am Tag ist der Körper mehr als ausreichend auf die Reisestrapazen vorbereitet. Klettern, Mountainbiken, Joggen, Motorradtrial, Enduro, Kraftsport, Kajakfahren, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, nur bewegen sollte man sich auf jeden Fall!


Eine kleine Tabelle auf dem Telefon oder dem Notizblock über den Bedarf an Insulin für die tägliche Zuckerverarbeitung und Kreontabletten für die Fettverdauung, am besten ein paar Monate vor Abreise zu führen, macht auf jeden Fall Sinn. Es hilft ungemein sich ausreichend, aber nicht über die Maße, mit seinen Medis einzudecken. Zu viele Medikamente sind unnötiges Gewicht, zu wenige bedeuten mühsame Suche vor Ort oder hohe Versandkosten, um vorzeitig Ersatz zu bekommen. Ich nehme im Schnitt Pillen für ca. drei Monate mit. Beim Reisen durch Länder mit schlechter medizinischer Infrastruktur, instabilen politischen Verhältnissen und eventuellen spontanen Grenzschließungen gerne mal ein oder zwei Monate mehr.
P1101422Man kann sich im Voraus der Reise entweder über Jahre hinweg immer etwas mehr Medikamente verordnen lassen als man wirklich braucht, um eventuelle Lieferengpässe zu vermeiden oder spontane Lieferungen zu ermöglichen. Die Alternative ist ein sehr guter Draht zu seiner behandelnden Ambulanz oder dem Facharzt zu haben. Manchmal muss es einfach schnell gehen und eine gewisse Flexibilität ist oft bei der Lösung exotischer Probleme gefragt. Das sind leider nicht gerade die Stärken der Ambulanzen und Fachärzte, die leider meist wenig Zeit haben, von Papierkram und Vorschriften gelähmt sind und nicht gerne ans Telefon gehen. Die Flexibilität der Vorschriften, das hat ausführliche Recherche und viele Telefonate mit meiner Krankenkasse, der Ärztekammer Hessen und meiner Ambulanz ergeben, ist größer als man denkt. Folgender Abschnitt, aus den zwischen Ärztekammer und Kassen ausgehandelten Regularien zur Verschreibung und Kostenübernahme von Medikamenten, wurde dabei entdeckt: LINK (Link zu vorher auf der Homepage hochgeladenem Dokument „Medikamentenverordnung über Quartalsbedarf“) Dort steht kurz und knapp, dass die Ambulanz oder der Facharzt bei stabiler Therapie bis zu 6 Monate (2 Quartale) Medikamentenbedarf auf einen Schlag verordnen können und die Kasse die Kosten in vollem Umfang übernimmt. Entscheidet man sich dennoch für die Vorratshaltung, dann bitte nach Ablaufdatum sortieren und in richtiger Reihenfolge aufbrauchen. Das letzte was die Welt braucht, sind noch mehr weggeworfene, in anderen Teilen des Globus potentiell dringend gebrauchte und lebensrettende Medikamente. Kreon, Insulin, Antibiotika, Schmerzmittel, Salbutamol und Kochsalz sowieso (Ich frage mich was an Wasser mit Salz ablaufen soll :-D) kann man, so zeigt die Erfahrung, noch einige Monate oder auch Jahre nach Ablaufdatum verwenden. Das Wegwerfen von Medikamenten wegen oft willkürlich gesetzter Ablaufdaten produziert schon im öffentlichen Gesundheitssystem Tonnen von Abfall, Millionen von Verlusten (und natürlich Gewinnen für jene, die die nächste Packung verkaufen können). Man muss im privaten Bereich nicht auch noch damit anfangen.
Als Orientierung hier mal mein Monatsbedarf:
400 Einheiten NovoRapid Insulin (1,3 Ampullen)
300 Einheiten Levemir Insulin (1 Ampulle)
100 Blutzucker-Messtreifen (Morgens/Abends/Zuckerentgleisung)
30 Nadeln für die Insulinpens (muss man nicht jeden Tag wechseln)
10 Nadeln für das Messgerät
500 Kreonkapseln (im Ausland wird das Essen gerne mal fettiger)
30 Antibiotika Tabletten (Dauerantibiose Grüncef 1000mg/Tag)
60 Tabletten Kaftrio
30 Tabletten Kalydeco
60 4ml Ampullen Mucoclear 3%
Salbutamol Spray
org photo 6619858 1605365118000Dazu kommen die Hilsfmittel: Blutzuckermessgerät, 2 Insulinpens, Inhalator mit hochwertigen AA Akkus und kleinem Akkuladegerät (In vielen Ländern gibt es nur minderwertige Batterien zu kaufen und man ist gezwungen eine Menge Sondermüll zu produzieren. Akkus sind die bessere Lösung.)
Zu alledem kommt natürlich noch eine Erste Hilfe Tasche, um in akuten Notfällen sich selbst oder anderen helfen zu können (siehe Bilder). Eine Satteltasche ist mit dem medizinischen Bedarf voll ausgelastet. Jetzt gilt es an Unterhosen zu sparen, um den Platzmangel zu kompensieren :-D.
Die genannten Tabletten müssen für den effektiven und platzsparenden Transport umgepackt werden. Ich löse sie aus ihren übertriebenen Papier-Plastik-Blister Riesenverpackungen heraus und fülle sie in kompakte Dosen oder Flaschen. Hierbei auf saubere Hände und trockene Umgebung achten. Die Gefäße sollten am besten aus flexiblem, aber robustem Hartplastik bestehen (einfach mal auf ein leeres Gefäß drauftreten und schauen ob es überlebt) und wasserdicht sein (auch das vorher prüfen). Die alten, weißen Kreondosen aus Plastik sind hervorragend geeignet (mittlerweile bekomme ich oft welche in Glasfläschchen  höchst ungeeignet, schwer, zerbrechlich und nicht wasserdicht). Wer seine Reise etwas im Voraus plant, sollte jede leere Dose, der er habhaft werden kann, sammeln. Am besten vor Abfahrt zur großen Reise auf ein paar kleinen Touren testen, welche am geeignetsten sind. Ich habe große Vorratsdosen mit den einzelnen Medikamenten befüllt und zusätzlich zwei kleinere Dosen mit dem Zehntagesbedarf, einem Mix der benötigten Medikamente für die kommenden zehn Tage (Kreon/Antibio+Kaftrio+Kalydeco). Dazu kommt die Tagesdose (alles was ich am Tag brauche). Beim Umpacken sollte man auf ordentliche Beschriftung achten, am besten mit Klebeetiketts, dann muss man keine Dose unnötigerweise öffnen, um zu schauen was drin ist. Die Gefahr der Verunreinigung oder Feuchtigkeit ist zu hoch, wenn man die Dosen ständig öffnet (Das Umfüllen findet nicht immer dort statt, wo man es sich wünscht, wenn die Tagesdose aufgebraucht ist).
IMG 20201225 175952Es gibt Tabletten, die bei den buckeligen Wellblechpisten Afrikas und den stetigen Vibrationen des Einzylinder Motors innerhalb weniger Wochen in den Aufbewahrungsdosen zu Staub zermahlen werden. Welche da empfindlich sind, ist schwer zu sagen. Selbst vom selben Wirkstoff gibt es verschiedenen Präparate, die unterschiedlich auf Dauervibrationen reagieren. Die Anfälligkeit von Tabletten für diese Art der Belastung ist meines Wissens nach nirgends je getestet oder kategorisiert worden (Ich nehme an, die haben die Zielgruppe der Muko-Diabetes-Asthma-Enduristen auf Weltreise einfach völlig vergessen). Kreon ist auf jeden Fall nicht anfällig und Kalydeco/Kaftrio nur sehr wenig. Beim Insulinpen mit montierter Nadel (ich verwende diese ja mehrfach) tritt durch eindringende Luft vermehrt Blasenbildung in der Ampulle auf, die dann durch die Komprimierbarkeit der Luft beim Spritzen zu kleinen Abweichungen zwischen der eingestellten Dosis und der tatsächlichen Injektion führt. Es hilft den Pen am Körper zu tragen oder zwischen weicher Kleidung zu verpacken. Wer unendlich Platz hat, kann auch einfach hunderte von Nadeln mitnehmen und jedes Mal wechseln. Auf dem Motorrad kommt das nicht in Frage. Bei den vibrationsanfälligen Tabletten gibt es zwei Möglichkeiten die Pulverisierung zu verhindern. Die Zersetzung der Pillen ist möglich, weil sie in ihrer Dose Spiel haben, um aneinander und an der Dosenwand zu reiben. Ist die Dose bis zum absoluten Rand gefüllt und oben noch mit etwas Klopapier zugestopft, um die letzte Luft zwischen Deckel und Tabletten auszufüllen, zersetzt sich nichts. Falls man den Füllstand der betreffenden Dose regelmäßig ändert, z.B. durch Entnahme einiger Tabletten, hilft entweder das stetige Auffüllen des Lehrraums mit Kreon Kapseln (wobei man bei jeder Entnahme wieder sortieren muss) oder das Auskleiden der Dose mit einem Stoffbeutel (alte Sonnenbrillenhülle geht hervorragend). Der Stoff reduziert die Reibung an der Dosenwand durch Polsterung und auch zwischen den Tabletten durch Kompression. Für ganz ruppige Gegenden empfiehlt sich eine Kombination aus beiden Möglichkeiten, um dem Sortieren aus dem Weg zu gehen: Abfüllen der anfälligen Tabletten in den Stoffbeutel in der Dose, Verschließen des Beutels, übrigen Raum bis zum Deckel mit Kreon auffüllen. Spart auch wieder Platz. Man sollte die Dosen ungefähr entsprechend des Wochen-/Monats-/Quartalsbedarfs wählen, um den Überblick nicht zu verlieren und keinen Platz zu verschwenden. Es hilft vorheriges Experimentieren oder exaktes Berechnen. Auch daheim fülle ich mittlerweile alle Medikamente in praktische Gefäße um, auch um spontan mal auf einen Wochenendtrip fahren zu können ohne einen halben Koffer unhandlicher Packungen mit mir rumtragen zu müssen. Auch außerhalb der Originalverpackung behält das Medikament seine volle Wirkung über einen sehr langen Zeitraum.
Neben der Anfälligkeit für Vibrationen kommt bei manchen Medikamenten und Geräten die Anfälligkeit für extreme Temperaturen dazu. Jeder Motorradfahrer weiß, dass Batterien und Akkus bei sehr niedrigen und extrem hohen Temperaturen nicht so gut funktionieren wie bei normalen. Dazu kommt noch die Höhenempfindlichkeit der Geräte. Dies gilt es zu berücksichtigen bei der Funktionalität von Inhalator und Blutzuckermessgerät. Mein Messgerät streikt bei Temperaturen unter -5 Grad, auch bei Höhen über 4000 Meter hat es so seine Probleme. Die Inhalatorbatterien sind bei Kälte deutlich früher geleert, der Vernebler vernebelt auf höhen über 4500 Metern nahezu gar nicht mehr. Die Luft ist glücklicherweise dort oben so gut, dass der Inhalator meist überflüssig ist. Schwieriger wird es hier bei denjenigen, die neben dem reinen Kochsalz, welches man bei ausreichender Fitness auch mal ein paar Tage auslassen kann, noch andere Medikamente über den Inhalator aufnehmen müssen (vorher verschiedenen Modell und ihre Höhenfunktionalität testen).


Stichwort Temperatur: Insulin sollte bei ca. 8°C gelagert werden. Praktisch ist die Einhaltung dieser Empfehlung auf einer Reise nicht umsetzbar. In der Sahara gibt es leider keine Kühlschränke hinter jeder zweiten Düne. Auch sollte das Insulin nicht unter 0 Grad erreichen. Auf dem Altiplano Südamerikas oder den Höhen des Mount Kenya wird diese Temperatur des Nachts jedoch weit unterschritten. Welche Temperaturen verschiedene Insuline in der Praxis tatsächlich aushalten und wie lange sie diesen ausgesetzt werden dürfen, findet sich ausgezeichnet beschrieben in diesem (https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0245372) wissenschaftlichen Bericht. Obwohl das Insulin nicht ganz so sensibel ist wie der Arzt oder Apotheker uns erzählt, gibt es doch eine gewisse Grenze, die nicht unter- bzw. überschritten werden sollte. Eine Nacht unter -10°C, so meine Erfahrung, reicht aus, um das Insulin gefrieren zu lassen und damit die Wirkintensität erheblich zu reduzieren. Ich nehme die Ampullen deshalb mit ins Zelt, bei sehr geringen Temperaturen in die Innentasche des Schlafsacks. Wenn man mehrere Schlafsäcke verwenden muss, dann natürlich in den Körpernächsten.
Ist die Temperatur zu hoch, kann das Insulin auch an Wirksamkeit verlieren, jedoch deutlich langsamer als es bei Frost der Fall ist. Temperaturspitzen über 30 Grad setzen dem Insulin schon zu. Die Wirkintensität des Stoffs bei langer Exposition hoher Temperaturen lässt langsam aber stetig nach. Temperaturspitzen kann man leicht vermeiden, indem man das Insulin in eine Thermoskanne packt und mit etwas Polstermaterial umwickelt, um die Ampullen durch Vibrationen/Stürze nicht zu beschädigen. Diese Kanne am besten in einen geschützten Bereich der Satteltasche, weit weg vom Auspuff und den Außenwänden (sie werden bei schwarzen Taschen in der Sonne sehr schnell sehr heiß), umgeben von isolierender Kleidung, Schlafsack etc. verstauen. Das Insulin sollte dann maximal die Tag-/Nacht- Durchschnittstemperatur erreichen. Sollte diese in sehr heißen Gegenden deutlich über 30°C liegen (z.B. im südlichen Sudan passiert), dann kann man versuchen kalte, idealerweise gefrorene, Wasserflaschen zu kaufen und diese in unmittelbare Nähe der Thermoskanne verstauen. Ist man in Gegenden ohne Strom unterwegs, gibt es einen Trick, der immer funktioniert, vorausgesetzt man hat genug Wasser (falls man in diesen Gegenden nicht genug Wasser findet, hat man ohnehin ganz andere Probleme). Einfach ein helles Stück Baumwollstoff (T-shirt, Pulli, Handtuch) mit Wasser tränken und um die Satteltasche wickeln. Der Fahrtwind lässt das Wasser verdampfen (endotherme Reaktion) und kühlt dabei die Satteltasche.
Die oben genannten Probleme und Lösungsansätze können so für fast alle längeren Reisen in ähnlicher Form angewandt werden.
Nun möchte ich auf ein paar speziellere Herausforderungen der ersten sechs Monate unserer Überlandreise von Deutschland bis nach Kenia vom September 2020 bis März 2021 eingehen.
OI003320„Mit Diabetes, Mukoviszidose und Asthma ist es keine Gute Idee gerade jetzt zu Corona Zeiten in die Welt zu reisen“ so lautete der ärztliche Rat im August 2020. „Mit Diabetes, Mukoviszidose und Asthma weiß man gerade zu Zeiten von Corona nie wie lange man noch fit ist, also halte ich es für eine besonders gute Idee jetzt aufzubrechen“. Auf die Antwort folgte kein Versuch mehr uns die Reise auszureden. Tatsächlich ist die Ansteckungsgefahr auf Motorradreise mit Übernachtung im eigenen Zelt weit geringer als beim Arbeiten oder Einkaufen in der Heimat. Wir halten uns natürlich an die Grundlagen der Hygiene. Maske, Hände waschen, Abstand. Eben so wichtig ist natürlich zu allen Zeiten die ausgewogene Ernährung und der tägliche Sport. Sollte es uns doch erwischen, ist der Körper und die Abwehr zumindest in Form und hat der Erkrankung etwas entgegen zu setzen. Wer meint er zieht eine Maske auf und hat damit alles getan um sich zu schützen, ist etwas auf dem Holzweg. Gegen Erkrankungen jeglicher Art schützt man sich zu allererst, indem man seinen Körper pflegt, stärkt und ruht, wenn er es braucht.
IMG 20201023 103115Auf dieser Reise war bis jetzt eine gute Überwachung unserer Gesundheit garantiert. Sieben PCR Tests haben wir in den letzten sechs Monaten durchlaufen. Unsere Temperatur wurde einige hundert Male gemessen und die Hände haben so viel Alkohol ertragen müssen wie nie zuvor. Noch akribischer als sonst habe ich auf die Therapiedisziplin geachtet. Immer wieder gibt es aber unerwartete und nicht planbare Situationen, die man im Reisealltag meistern muss. So wurde es in Tunesien etwas brenzlig, als DHL Deutschland die Lieferung meiner Medikamente von versprochenen acht Tagen auf 30 Tage verschleppte. Ohne Angaben von Gründen oder der Möglichkeit die Medis zurück zu ordern. Wir hätten sie sofort mit anderen, deutlich zuverlässigeren Anbietern verschicken können, hätten wir vorher über diese Inkompetenz bei DHL Bescheid gewusst. Zum Beispiel TNT, mit denen wir eine ähnliche Lieferung innerhalb von 48 Stunden in dasselbe Land geschickt haben.
Zwei Wochen musste ich die neue Therapie mit Kaftrio/Kalyeco mangels Nachschub unterbrechen. Das führte zu ernsthaften Problemen. Hauptproblem war mein munter auf- und abtanzender Blutzucker und die vermehrte Bildung von Sputum in der Lunge. Nur mit sehr häufigen Messungen und täglicher Anpassung der Bolus Rate ist das Problem mit dem Zucker halbwegs in den Griff zu bekommen. Gegen das Füllen der Lunge mit Sputum hilft häufiges Inhalieren mit gezielter Atmung und Dehnen und Komprimieren der Atemhilfsmuskulatur. Das ist mitunter etwas anstrengend und führt zu Muskelkater im gesamten Brustbereich. Alternativen gab es aber in dieser Situation keine. Das 3%tige Kochsalz war auch schnell leer. In Tunesien und in den meisten anderen Ländern dieser Welt ist Kochsalz nur in den Konzentrationen 0,9% und 10% erhältlich. Wenn man 10%tiges Kochsalz mit destilliertem Wasser im Verhältnis 1:2 mischt (z.B. 10 ml 10%tiges Kochsalz, 20 ml destilliertes Wasser) bekommt man ungefähr 3%tiges. So kann man sich seine Dosis selbst mischen. Erst nach dreißig Tagen Wartezeit traf DAS Paket endlich ein und die Situation war entschärft. Mehr zu dieser Begebenheit im Bericht „Das Paket“ (https://www.xn--wetzlosweltwrts-clb.de/index.php/verschiedenes/das-paket)
Nach der Lieferung der Medikamente brachen wir nach Ägypten auf und von dort aus in den Sudan. Wegen der Schwierigkeiten mit dem ägyptischen Zoll (https://www.xn--wetzlosweltwrts-clb.de/index.php/reise/tunesien-aegypten) waren wir gezwungen einige Tage in Kairo und später ebenfalls wegen Problemen mit den Motorrädern fast drei Wochen in Khartum zu verbringen. In diesen riesigen, überbevölkerten, von LKWs verstopften, staubigen Millionenstädten ist die Luftqualität unterirdisch. Sämtliche körperliche Aktivität sollte man in die ganz frühen Morgenstunden und am besten aufs (Flach-)Dach des Hauses verlegen, wenn die Dunstglocke über der Stadt noch nicht ganz so dicht ist. Viel Inhalieren hilft etwas gegen den Staubhusten. Gegen Staub in der Unterkunft (Zeltplätze gibt es keine) hilft regelmäßiges Aufdrehen der Dusche. Am besten ist natürlich, solche Städte zu meiden oder zumindest nicht zu lange dort zu verweilen, wenngleich die Atmosphäre und der Trubel dort sehr faszinierend sein können. Wir achten dennoch auf der Reise darauf möglichst viel im ländlichen Raum, in den Bergen, Hochebenen, Steppen, Regenwäldern und Sandwüsten abseits der Ballungszentren und der großen Verkehrsadern unterwegs zu sein. Hier ist das Leben meist noch interessanter und die Leute freundlicher als in den Städten.
Sollte es trotz aller Vorsicht mal zu einer ernsten Lage kommen, ist ein guter Kontakt zu der heimischen Ambulanz sehr hilfreich. Am besten organisiert man für größere Unternehmungen die Privatnummern seiner Ärzte des Vertrauens. Falls es mal schnell gehen muss. Büros der meisten Krankenhäuser oder Ambulanzen sind in Deutschland noch im Mittelalter der technischen Entwicklung. Meist keine Erreichbarkeit über Internettelefonie, WhatsApp, Skype, Zoom und manchmal sogar keine Kommunikation per Email (sie haben ja ein Faxgerät :-D). Sehr unflexibel und wenig erfinderisch, was technische Lösungen angeht und oft nicht einmal telefonisch aus dem Ausland erreichbar, weil die Telefonzentralen gegen solche Anrufe abschirmen. Es ist für durchschnittliche Patienten mit kleinen Rückfragen aus Deutschland schon schwierig mal jemanden ans Telefon zu bekommen, für reisende Exoten, die aus dem Sudan anrufen und etwas über Tropenkrankheiten wissen wollen, ist es nahezu unmöglich.


OI000666OI003344Ausnahme hier ist unsere Gemeinschaftspraxis in Haunetal, die Praxis Dr. Klein in Schenklengsfeld und die Marktapotheke in Burghaun. Hier ist immer jemand erreichbar und sie setzen mit einem Anruf wirklich alle Hebel in Bewegung, egal ob kleine Medikamentenverordnungen oder wirklich kritische Situationen. Da sollten sich die großen Ambulanzen mal ein Beispiel nehmen. Nach vorheriger Terminvereinbarung, am besten per Email, da die telefonische Erreichbarkeit nahezu nicht existent ist, kann man auch bei der Mukoviszidose-Ambulanz in Gießen jemanden erreichen. Mittlerweile, durch Corona ermöglicht, sogar ein Arztgespräch über Videotelefonie führen. Die Überwachung meiner Leberwerte durch Blutabnahme vor Ort und Übermittlung der Ergebnisse per Email bekommen wir mittlerweile auch alle drei Monate hin. Es tut sich ein bisschen was in der Digitalisierung Deutschlands, aber Länder wie Kenia oder Tunesien sind uns viele Jahre voraus. Sie haben nicht die lähmende Kralle des völlig übertriebenen Datenschutzes am Bein und können in allen Sektoren des Lebens ergebnisorientiert und effektiv mit den digitalen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte arbeiten.
Soviel zur unmittelbaren Vorbereitung und den bis jetzt gesammelten medizinischen Erfahrungen auf den ersten Kilometern dieser Reise. Bis jetzt sind wir beide topfit, gut drauf und freuen uns über all die schönen Länder, die wir bereisen dürfen. Wie sich die neue Medikation beim Bergsteigen auf 5000 Metern schlägt und warum Krankenhäuser in Tansania effektiver sind als in Deutschland, gibt‘s im nächsten Medizinbericht zu lesen.
Im Folgenden noch ein paar nützliche Adressen von zuverlässigen Ärzten und günstigen Testzentren für PCR Tests auf unserer Route:

Tunesien
Arzt in Tunis
Dr. Samy Allagui
Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch
+216 98 302 990 (Telefon/Whatsapp)
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Koordinaten: 36,8386218, 10,1704095

Labor in Tunis
Laboratoire Mohamed Fateh Tebourbi
Englisch, Französisch, Arabisch
+216 71 729 788
Koordinaten: 36,8793575, 10,3272085
PCR 70€ (ohne Voranmeldung)

Ägypten
Labor in Assuan
Health Affairs Directorate – Aswan
Englisch, Arabisch
+20 97 2238442
Koordinaten: 24,0950831, 32,9087795
PCR 90€ (ohne Voranmeldung)

Sudan
Labor in Khartoum
English, Arabisch
Koordinaten: 15,5992518, 32,5283235
PCR 25€ (ohne Voranmeldung)

Kenia
Arzt in Nairobi
Dr. Linda Thorpe
Columbia Africa Healthcare Lavington Clinic
Englisch
+254 111 011500
Koordinaten: -1,2828541, 36,7664689

Labor in Nairobi
Meditest Diagnostic Service Ltd.
Englisch
+254 734 205430
Koordinaten: -1,2636870, 36,8087942
PCR 60€ (ohne Voranmeldung)

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